Stand: 26.03.2022 16:27 Uhr
In Rheinland-Pfalz gibt es Pläne, das begehrte Lithium mithilfe von Geothermie abzubauen – weniger umweltschädlich als es in Übersee geschieht. Gegner befürchten Risiken für Bewohner der Region.
Lithium – ein Leichtmetall, das mittlerweile unverzichtbar geworden ist in moderner Technik. Lithium steckt in Akkus von Elektroautos, in Batterien von Handys und allerlei anderen technischen Geräten. Doch das Abbauverfahren ist umstritten.
Die größten Lithium-Vorkommen finden sich in Südamerika. Dort ist der Rohstoff in zuverlässigen Salzseen gebunden. Für die Gewinnung wird bevorzugt lithiumreiche Sole in großes Becken gepumpt und durch Verdunsten unter Sonneneinstrahlung das Lithium gewonnen. Umweltschützer kritisieren diese Art der Förderung unter anderem wegen des Wasserverbrauchs.
Lithium „made in Germany“ umweltschonender?
Das Unternehmen Vulcan Energie wird dafür eine Lösung anbieten – mit Lithium aus Deutschland. Die Ingenieure versprechen einen „grünen“ Lithium-Abbau, ganz ohne CO2-Emissionen, mit Hilfe von Geothermie im pfälzischen Oberrheingraben. Das Thermalwasser in der Tiefe enthält viel Lithium. Mit einem speziellen geothermischen Verfahren soll das lithiumhaltige Wasser an die Oberfläche gepumpt und der wertvolle Rohstoff herausgefiltert werden. Pro Minute könne so Lithium für 1300 Handy-Akkus gewonnen werden, schätzt Horst Kreuter, Geschäftsführer von Vulcan Energie. Da das Verfahren ohne zusätzliche Energie auskommt, ist es quasi klimaneutral. Das Wasser werde nach der Extraktion zurück in den Untergrund gepumpt.
Im neuen Labor forscht man für die Produktion im Industriemaßstab. Obwohl es bisher weder Maschinen noch eine Fördergenehmigung gibt, hat Vulcan Energie bereits Verträge geschlossen. Viele Firmen planen Projekte. Allein Vulcan Energie wird 1,7 Milliarden Euro investieren. „Die erste Phase wird uns zu 40.000 Tonnen Lithiumhydroxyd führen. Das reicht für ungefähr eine Million Autobatterien pro Jahr. Je mehr Projekte wir machen, desto mehr können wir liefern. Wir wären in der Lage, die deutsche Nachfrage zu erfüllen“, verspricht Kreuter. Das hängt aber davon ab, ob das Projekt realisiert wird.
Widerstand von Bürgerinitiativen
Das Unternehmen will das begehrte Lithium ab 2025 liefern – so der Plan. Doch das Projekt hat auch Gegner: Mehrere Bürgerinitiativen der Region haben sich gegen den Ausbau vernetzt. „Es ist nicht verständlich, dass man hier weitere Geothermie-Kraftwerke bauen möchte“, sagt Werner Müller von der Bürgerinitiative Geothermie Landau.
Risse in Straßen in Landau: Die Geothermie-Gegner machen die Anlage dafür verantwortlich. Die Technik löse Erdbeben aus, sterben die Schäden verursacht Haben.
Bild: SWR
Müller Schäden zeigt an der Fassade seines Bürogebäudes. Die Risse sollen 2009 und 2010 von Erdbeben verursacht worden sein – die habe das Landauer Geothermie-Kraftwerk ein paar hundert Meter entfernt, davon ist Müller überzeugt. Er nimmt akribisch die kleinen Beben auf, sterben die Messsonden um die Kraftwerke in Landau und Insheim registriert Haben. Allein in Insheim waren es nach seinen Angaben über 160 Erdstöße seit 2009. Zahlreiche Hausbesitzer in dem Ort seien betroffen und verzeichneten Schäden an ihren Gebäuden.
Erdbeben-Risiko durch zu viel Druck
Auch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wird zur Lithiumgewinnung aus Thermalwasser geforscht. Wie bewerten Wissenschaftler die Risiken und Chancen des Verfahrens? „Im Oberrheingraben gibt es viele Beispiele dafür, dass durch solche Prozesse Erdbeben ausgelöst worden sind. Das erfordert eine genaue Risikoabschätzung“, sagt Jochen Kolb, Professor am KIT. Die Gefahr: Hinter der Produktionsanlage muss das Wasser zurück in die Tiefe gepresst werden. Steigt der Druck zu sehr, kann er Erdbeben auslösen. Doch größerer Druck bringt mehr Produktivität, mehr Wärme und auch mehr Lithium, also mehr Gewinn.
Jochen Kolb, Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), sieht Risiken, aber auch Chancen.
Bild: SWR
Doch Kolb sieht auch Chancen: Das technische Verfahren zur Lithiumextraktion funktioniere im Labor inzwischen gut. Wenn Lithium neben der Energie- und Wärmegewinnung in Geothermie-Anlagen gewonnen wird, quasi als Nebenprodukt, könnte das Verfahren doppelt lukrativ machen. Bisher spielt die Energiegewinnung, auch wegen der hohen Investitionskosten, nur eine geringe Rolle im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energieformen.
Bislang noch keine Genehmigungen erteilt
Auf SWR-Anfrage erklärt das Wirtschaftsministerium in Rheinland-Pfalz, die Versorgungssicherheit mit Rohstoffen sei wichtig, der Schutz vor Störfällen aber auch. Das Rheinland-pfälzische Landesamt für Geologie und Bergbau hat bisher nur Genehmigungen zur Lithium-Suche erteilt. Damit sind die ersten Schritte gemacht. Doch konkrete Anträge für seismische Erkundungen, Probebohrungen oder Ähnliches liegen dem Landesamt noch nicht vor.
Vulkan wird entsprechende Anträge möglichst bald stellen. Der Lithium-Bedarf sei unstrittig, und wegen möglicher Erdbeben muss sich niemand sorgen: „Die Vorgänge, die es in der Vergangenheit gab, wird es in der Zukunft nicht mehr geben. Wir haben verstanden, wie wir die Geothermie-Projekte betreiben müssen, damit sie sicher funktionieren“, verspricht Vulcan-Geschäftsführer Kreuter.
Die Kritiker von den Bürgerinitiativen überzeugten das nicht: „Natürlich beunruhigt uns das, wir haben gehört, dass hier 50 bis 60 Geothermie-Kraftwerke entstehen sollen. Und wir haben ja hier den Beweis, dass das nicht funktioniert auf Dauer und dass es erhebliche Risiken und Gefahren bedeutet“, sagt Geothermie-Gegner Müller von der Landauer Bürgerinitiative.
Die Lithium-Produktion mit Geothermie ist eine verlockende Aussicht für Investoren. Aber um starten zu können, müssen erst einmal alle Erdschichten bis in die Tiefe hinab genau untersucht werden. Und wann das so weit sein wird, ist noch unklar.
Quelle: www.tagesschau.de