Von Johannes Schmitt-Tegge, dpa

Fast mag man meinen, Ieoh Ming Pei habe die klassische Moderne des Bauens abgeschlossen. Abstrakte Formen und scharfe, geometrische Designs machten den aus China stammenden Architekten ausgerechnet im Westen zum Star. Auch in Deutschland hat er Spuren hinterlassen.


Bei der wohl wichtigsten Eröffnungszeremonie seines Lebens wurde Star-Architekt I. M. Pei erst einmal gar nicht erkannt. Reparaturteams und Putzleute machten ihre letzten Kontrollgänge durch die fertige Glaspyramide am Louvre in Paris und ahnten nicht, dass der Baumeister selbst an jenem Märztag 1989 plötzlich vor ihnen stand. «Aber ich bin der Architekt», sagte Ieoh Ming Pei der «Los Angeles Times» zufolge, als er in seinem Portemonnaie nach einem Ausweis suchte, um durch eine Absperrung zu gelangen. Drei Jahrzehnte später ist die Pyramide ein Aushängeschild des modernen Paris.


100 Jahre wird der in New York lebende chinesisch-amerikanische Pei, der einfachste geometrische Formen taktvoll zum Leben erweckt, am 26. April alt. Der 21 Meter hohe Glasbau, über den Besucher in die bombastische Kunstsammlung eintauchen, ist zusammen mit der Mona Lisa und der Venus von Milo zu einem der wichtigsten Gründe geworden, warum heute mehr als acht Millionen Besucher pro Jahr zum Louvre strömen (ausgelegt war die Pyramide für jährlich 4,5 Millionen). Sonnenlicht strahlt in den Untergrund, Pei selbst ist inzwischen als «Meister des Lichts» bekannt.


Den 1917 im südchinesischen Guangzhou (Kanton) geborene Architekt, der in Hongkong und Schanghai aufwuchs, zog es mit 17 Jahren in die USA. Die Kunst des schönen Bauens lernte der Sohn kunstaffiner Eltern an bester Adresse: 1935 schrieb er sich an der University of Pennsylvania ein, ehe er am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und 1946 an der Harvard Graduate School of Design Abschlüsse in Architektur machte. Unter seinen Dozenten waren unter anderem die Bauhaus-Architekten Marcel Breuer und Walter Gropius.


Als der Zweite Weltkrieg seine Rückkehr nach China verhinderte, waren Boston, New York und Los Angeles bald seine neuen Arbeitsplätze. Mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft in der Tasche schuf er städtische Projekte wie das Mile High Center in Denver, Colorado (1955), den neu gestalteten Hyde Park in Chicago (1959) und den Place Ville-Marie in Montreal (1965). Nach Anfängen beim New Yorker Unternehmen «Webb & Knapp» eröffnete er dort seine eigene Firma «I. M. Pei & Partners». Einen produktiven Schub verdankte er nicht zuletzt dem einflussreichen Bauunternehmer William Zeckendorf.


Es folgten prestigeträchtige Aufträge wie der Ostflügel der «National Gallery of Art» in Washington (1978) und die Bibliothek für den ermordeten Präsidenten John F. Kennedy in Boston (1979). Mit dem Ruhm aus den USA im Rücken kehrte er mit seiner Frau Eileen Loo, die er schon aus Studienzeiten kannte und mit der er drei Söhne und eine Tochter hat, für einige Projekte nach China zurück. Die Familie reiste häufig zusammen, um den immer berühmteren Architektenvater und Ehemann bei seinen Aufträgen zu begleiten.


«Ieoh Ming Pei hat diesem Jahrhundert einige seiner schönsten Innenräume und äußeren Formen gegeben», urteilte eine achtköpfige Jury, die ihm 1983 den begehrten Pritzker-Preis verleih. «Seine Vielseitigkeit und sein Können beim Materialgebrauch nähern sich dem Niveau von Poesie.» Der Pritzker gilt als Ritterschlag der Architektur. Doch nicht alle erkannten sein Talent – die Glaspyramide am Louvre wurde von Kritikern erst als «Disneyland-Anbau», als «Akt der Willkür» und «gigantische Spielerei» verschrieen.


Auch in Deutschland ging seinem Ausstellungs-Annex für das Deutsche Historische Museum in Berlin zuerst ein Sturm der Entrüstung voraus:  Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte den Auftrag per Direktmandat an Pei vergeben, weil dieser sich schon lange nicht mehr an Ausschreibungen beteiligte. Doch Peis Können galt als unbestritten und die Kritik verstummte, als 1997 schließlich der Entwurf für den Anbau mit spiralförmigem Treppenhaus aus Glas und Stahl vorgestellt wurde – heute spricht das Museum beim 2003 eröffneten Pei-Bau hinter dem barocken Zeughaus von einem «atemberaubenden Gebäude».


Abhalten ließ sich Pei, der mit dem «Fragrant Hill Hotel» in Peking (1982), dem «Bank of China»-Gebäude in Hongkong (1989) und dem Miho Museum außerhalb von Kyoto in Japan (1997) auch in Asien immer gefragter wurde, von solchen Stimmen nie. Beim Miho Museum und dem Museum für Islamische Kunst in Doha, Katar (2008), zeigte er seine Bemühungen, den Stil der westlichen Moderne mit anderen Kulturkreisen zu verbinden, schreibt der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Architekturkritiker Paul Goldberger. Er spricht von «bemerkenswerten Kodas zu einer Karriere, die sich nie auf Erfolg ausruhte, sondern immer nach etwas Neuem zu greifen schien».






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