Händeringend sucht die klassische Musik junges Publikum. Doch das ist eh schon da – in Asien. Und jetzt? Eine Spurensuche.


Klassische Musik in Asien boomt seit vielen Jahren. Doch der wirtschaftliche Aufschwung hat diesem Boom zuletzt neuen Antrieb gegeben.


Das Publikum in Asien ist viel jünger als jenes in Europa – und damit wird der Kontinent zum Zukunftsmarkt für die Klassik. Immer mehr Orchester touren durch Asien, und auch Opernhäuser verkaufen ihre Produktionen an neue Spielstätten in den asiatischen Millionenstädten.


Aber Klassik ist keine Einbahnstraße mehr. Immer mehr asiatische Klangkörper erreichen hervorragendes Niveau. Eines der renommiertesten Orchester Asiens ist das Taiwan Philharmonic Orchestra, das in den kommenden Wochen durch Europa tourt. Der KURIER war zuvor nach Taiwan eingeladen worden.


Einhörner im Konzertsaal


Wären wir inmitten des Wiener Klassiklebens, könnten hier genauso gut Einhörner sitzen – es wäre auch nicht viel unwahrscheinlicher. Hier aber sitzen sie, als wäre es selbstverständlich: Jene in Europa und den USA aufwändig gesuchten jungen Menschen, die gerne, freiwillig und mit gewaltiger Begeisterungsfähigkeit ins Klassikkonzert gehen. „Hier“, das ist ein Konzertsaal in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Es spielt das Taiwan Philharmonic Orchestra, einer der renommiertesten Klangkörper Asiens, das seine 30. Saison feiert (die Wiener Philharmoniker werden heuer 175).


Sein Publikum ist, für europäische Ohren fast ein Wunder, zu 60 Prozent zwischen 19 und 35 Jahren alt.


Und diese Publikumsstruktur ist in vielen Teilen Asiens ähnlich, sagt die Orchesterchefin Joyce Chiou im KURIER-Gespräch. Vor allem der große, schwierige Onkel Taiwans, China, hat zuletzt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wieder einen ordentlichen Klassik-Boom verzeichnet. Es gibt hier ein junges Millionenpublikum. Das lockt die Orchester an. Die Wiener Philharmoniker brechen heuer erstmals zu einer Tournee ausschließlich in China auf, die Wiener Symphoniker sind dort ab kommender Woche unterwegs.


Aber die Klassik ist längst keine Einbahnstraße mehr. Mit der wirtschaftlichen Macht kam in China auch das Bedürfnis nach kultureller Einflussnahme im Rest der Welt. So kaufte sich China zuletzt viel Macht in Hollywood. Und auch spektakuläre Konzerthäuser sprießen in den in Europa unbekannten Millionenstädten rasant.


Auch Taiwan hat einen spektakulären Neubau (siehe unten). Und das Taiwan Philharmonic Orchestra will sich ebenfalls im Westen präsentieren, sagt Shao-Chia Lü. Der in Wien ausgebildete Dirigent ist Musikdirektor des Orchesters und geht mit ihm nun auf Europatournee. Es sei „gerade in dieser Zeit des falschen Nationalismus höchste Zeit, dass wir nach Europa reisen“, sagt er. „Wir zeigen, dass wir unterschiedlich sind – aber durch Musik sind wir eins.“ Und „wir wollen zeigen, was wir können“.


Das wird man am 23. März in Linz (Brucknerhaus) und am 28. 3. im Wiener Konzerthaus hören. Die Frage nach dem musikalischen Rang ist eine schwierige – weil hier auch andere, vielleicht sogar wichtigere Kriterien als das Streben nach dem Spitzenklang ins Spiel kommen: Das Orchester spielt, auf sehr hohem Niveau und überaus präzise, klassische Musik für die, die sich wirklich dafür begeistern. Diese Musik blüht interessanterweise genau dort, wo es keine Weltspitzenorchester gibt.


„Früher gab es in Asien diesen Minderwertigkeitskomplex: Wir spielen die Musik aus Europa, deswegen können wir höchstens imitieren“, sagt Shao-Chia Lü. „Aber wenn wir spielen, dann haben wir eine eigene Farbe.“


Selbstbehauptung
Dass diese Farbe in die Welt hinausgetragen wird, ist auch politisch wichtig. „Gerade, als ich meine dritte Symphonie fertig gestellte hatte, schoss China wieder Raketen über uns hinweg“, sagt Komponist Gordon Chin. „Da habe ich das Werk (das ebenfalls auf der Tour zu hören sein wird, Anm.) ,Taiwan’ genannt.“


Klassische Musik ist ein Weg zur Selbstbehauptung gegenüber dem grummelnden Giganten China. Doch die kulturelle Diplomatie hat Grenzen: Zuhause firmiert man als „National Symphony Orchestra“ (NSO). International aber steigt da der chinesische Onkel drauf, schließlich ist seiner Ansicht nach Taiwan Teil Chinas und kann daher kein „nationales Orchester“ haben. Also nennt man sich auf Tourneen Taiwan Philharmonic. Bei Konzerten am chinesischen Kontinent müssen die Bühnenarbeiter das Wort „National“ auf ihren NSO-Jacken mit Klebeband abdecken. Politik als Marketing-Problem.


Ray Chen kennt sich mit Marketing hervorragend aus. Der australisch-taiwanische Violinist ist einer von diesen jungen, gutaussehenden, bestechenden Musikern, von denen die Klassikbranche zehrt. Er ist auf den Sozialen Medien aktiv wie ein Popstar. Dort spricht er sein junges Publikum an. „Sie sind die Zukunft der klassischen Musik“, sagt er zum KURIER.


Ein Grund für dieses frische Publikum? „Das Wirtschaftswachstum in Asien begann viel später“, sagt er. „Daher kam die klassische Musik hier später an. Und so gibt es hier keine vorgefassten Vorstellungen darüber, wie ein Konzert sein soll. Viele asiatische Länder haben einen Klassikbetrieb erschaffen, der so ist, als ob diese Musik heute geboren worden wäre.“ Muss sich die Klassik also in anderen Ländern ändern? „Ich würde nie etwas an der Musik ändern. Das Einzige, das wir ändern müssen, ist alles andere“, sagt Ray Chen und lacht. Man müsse sich mehr anstrengen, das Publikum zu erreichen.


Rückgang
Und zwar permanent. Die Saisonauslastung beim NSO ging zuletzt zurück, und auch für die gesamte Klassikbranche in Taiwan. Flacht der Boom etwa schon ab? „Wenn das Wirtschaftswachstum noch weitere Menschen in Asien erreicht, wird auch die klassische Musik weiter wachsen“, beharrt Ray Chen, der mit dem NSO nach Europa kommt. „Diese Musik ist etwas, auf das Regierungen in Asien stolz sind.“ Es geht um Selbstbestimmung in einer Region, die vom eigenen Boom überholt wurde. Dabei spielt die Klassik eine größere Rolle, als zu erwarten war.


Wird sie in Asien sogar eine neue Heimat finden? „Beethoven, Bach, Mozart – man kann nicht ändern, woher die kommen. Aber die künftigen Komponisten? Angesichts der Investitionen in Kultur, die in Asien getätigt werden, gibt es wirklich die Möglichkeit, dass sich das neue Zeitalter der klassischen Musik hier entwickeln wird.“






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