Der Umgang mit Sex ist in China eigentlich unverkrampft. Aber: Man spricht nicht darüber, schon gar nicht mit Kindern. Entsprechend revolutionär ist eine neue comicartige Broschüre für Kinder, die für heftige Diskussionen sorgt.


Ein nackter Mann und eine nackte Frau liegen gemeinsam im Bett. Ein paar Seiten weiter sind sorgsam beschriftete weibliche und männliche Geschlechtsteile zu sehen. Die Broschüre einer Pekinger Universität ist voller solcher kleiner Erklärbildchen.


„Einer der Aufreger ist, dass die Broschüre Homosexualität thematisiert. Lesbische und schwule Beziehungen werden als normal und menschlich dargestellt. Sogar Homo-Ehen werden thematisiert“, sagt Tong Li von der Shanghaier Sexual-Beratungsstelle „New Kinsey“. Die Darstellung von Homosexualität in dem Heft für Kinder sei allerdings nicht einmal der größte Aufreger, sagt er.


Viel kontroverser werde die konkrete Darstellung von Sex diskutiert. Das gehe vielen Konservativen in China deutlich zu weit, erklärt Tong Li. „Die Regierung strengt sich beim Thema Sex-Aufklärung mehr und mehr an. Einige Schulen arbeiten inzwischen sogar mit der Broschüre.“ Die Erziehungsbehörden seien klar für mehr Aufklärungsunterricht. Allerdings treffe das häufig auf Widerstände vor Ort. „Da werden dann so Ausreden vorgeschoben wie: Wir haben keine Lehrer für den Sexualkundeunterricht.“


„Wir haben dich neben der Mülltonne gefunden.“


In der chinesischen Gesellschaft herrscht ein gewisser Widerspruch, wenn es um Sex geht. Einerseits geht das Land absolut unverkrampft mit dem Thema um. Was auch daran liegt, dass religiöse Traditionen de facto keine Rolle spielen. Wer es wie mit wem treibt, ist den meisten Menschen in China schlicht egal. In den Supermarktregalen stapeln sich Packungen mit Kondomen, Billig-Vibratoren und Gleitgel. Aber: Geredet wird über Sex nicht.


Li Lina, Mutter eines fünfjährigen Sohnes, sagt: „Mein Sohn fragt mich manchmal, wo er herkommt. Ich sage ihm dann, dass wir ihn gezeugt haben und er durch mich auf die Welt gekommen ist. Ich habe ihm auch erklärt, dass ich ihn per Kaiserschnitt bekommen habe.“ Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Ist es aber nicht. „Wir haben dich neben der Mülltonne gefunden.“ oder „Du wurdest im Krankenhaus abgegeben und wir haben dich aufgenommen.“ – jahrzehntelang waren Sprüche wie diese für chinesische Eltern absolut normal, um ihren Kindern zu erklären, wo diese herkommen.


Bescheidwissen und Vorurteile abbauen


Doch Li Lina meint, dass es für sie wichtig sei, Kinder konsequent so zu erziehen, dass sie sich nicht unwohl fühlen, wenn sie mit dem Thema Sex konfrontiert werden. „Eine gesunde Erziehung bedeutet, dass alle offen und natürlich über Sex reden und entsprechendes Wissen vermitteln können“, sagt sie. Sie wolle eigentlich nicht, dass ihr Sohn Sex habe, bevor er anfange zu studieren, sagt Li Lina. Aber: Bescheidwissen solle er schon eher. Das schütze ihn auch vor sexuellen Übergriffen. Deswegen befürwortet die 39-Jährige die umstrittene Broschüre.


„Fortschritt kann es nur geben, wenn wir diskutieren“, sagt Sexualberater Tong Li. „Es mag so aussehen, dass es sehr viel Kritik an der Broschüre gibt. Aber grundsätzlich ist die Auseinandersetzung etwas Gutes. Sie zeigt noch einmal, dass viele Leute in China nichts wissen über Sexualaufklärung. Und sie zeigt, wie viele Vorurteile wir noch abbauen müssen.“






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