Nippons Senioren arbeiten länger als anderswo und das meist nicht freiwillig / Dabei liegt das offizielle Rentenalter bei 61 Jahren.


Wer in Tokio öfter Taxi fährt, gewinnt zwangsläufig den Eindruck, das Transportgeschäft betreibe ein Verein von Rentnern. Die meist männlichen Fahrer sind ziemlich betagt und nicht immer rüstig. Ähnlich sieht es auf dem quirligen Fischmarkt Tsukiji aus. Ältere Männer knattern dort mit altersschwachen Lieferwagen durch das Gelände, stemmen mit krummem Rücken schwere Kisten. Auch in anderen Branchen jobben Frauen und Männer, die längst Rentner sein müssten. Sie bedienen in Nudelrestaurants und Tante-Emma-Läden, putzen Züge, Bürohochhäuser und Bürgersteige. Auffallend viele über 65-Jährige fungieren auf Baustellen als lebendige Wegweiser und dirigieren Autos und Passanten mit Leuchtstäben aus der Gefahrenzone.


Obwohl das offizielle Rentenalter in Japan bei 61 Jahren liegt und erst künftig schrittweise auf 65 angehoben wird, sieht es der Praxis anders aus, auch viele 70- und 80-Jährige arbeiten noch. Wissenschaft und Politik im Land der demographisch ältesten Bevölkerung der Welt müssen sich diesem Trend stellen. Die Fragen lauten: Wann ist man ein Greis? Und: Kann und sollte die Gesellschaft gewohnte Maßstäbe über Bord werfen?


Denn ein 60-Jähriger ist eigentlich noch jung in einem Land, in dem 65 000 Menschen schon die magische 100-Jahre-Marke geknackt haben. Experten der Gerontologischen und der Geriatrischen Gesellschaft Japans geben rechnerisch einfache Antworten: Die Einordnung „alt“ sollte nach heutigem Stand mit 75 Jahren beginnen und bis 89 reichen. Personen zwischen 65 bis 74 sollte man „vor-alt“ nennen, Senioren ab 90 „super-alt“.


Nippons Bevölkerung denkt ähnlich wie die Wissenschaft. Nach einer jüngsten Erhebung der Regierung unter Einwohnern über 60 betrachten sich mehr als 51 Prozent nicht als „ältere Bürger“. Dank besserer Ernährung und Hygiene sowie eines hochentwickelten Gesundheitssystems sind die heutigen Senioren viel fitter als früher. Sie als Ruheständler zu behandeln, sei pure Verschwendung, meint Yasuyoshi Ounuchi, einer der Autoren des Berichtes. „Es gibt viele Menschen über 65 Jahre, die sehr gesund und energiegeladen sind“, weiß Ounuchi, der selbst 68 Jahr alt ist. „Diese Menschen sind bereit, mit ihrer Arbeit einen Beitrag zu Gesellschaft zu leisten, bezahlt oder unbezahlt.“


Die Experten legen jedoch viel Wert darauf, das brisante Thema lediglich aus medizinischer Sicht aufgearbeitet zu haben. Der Mediziner Ounuchi will der Politik erklärtermaßen keine Steilvorlage für eine Erhöhung des Rentenalters geben. Wenn die Menschen also länger arbeiten würden, blieben sie aktiv und gesund. Und damit würden auch die Kosten für die medizinische Betreuung der Älteren reduziert und die Belastung der jüngeren Generationen reduziert. Die Zahl der potentiellen Arbeitskräfte würde schlagartig um zehn Millionen wachsen.


Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Amtes sind mit über 34 Millionen Einwohnern derzeit mehr als ein Viertel der japanischen Bevölkerung im Rentenalter. 7,3 Millionen von ihnen arbeiten – ein Rekord. In der Alterspanne der 65- bis 69-Jährigen waren im vergangenen Jahr über 52 Prozent der Männer und fast 32 Prozent der Frauen erwerbstätig. Zum Vergleich: in Deutschland arbeiten rund sechs Prozent der Senioren über 65 Jahre.


Nippons Senioren arbeiten allerdings nicht nur aus purer Freude oder Langeweile. Nur wenige können von ihrer meist niedrigen Rente leben. 40 Prozent der japanischen Rentner fallen unter die offizielle Armutsgrenze. Sie verdienen Geld, weil sie müssen – nicht unbedingt weil sie wollen. Obwohl überall Arbeitskräfte fehlen, weil die Jungen aufgrund der niedrigen Geburtenrate immer weniger werden und Ausländer nur zögerlich ins Land gelassen werden, ist der japanische Arbeitsmarkt älteren Menschen gegenüber ungerecht: Wer über 50 ist, findet kaum noch einen guten Job. Eine der wenigen Ausnahmen ist der Autobauer Honda, der zumindest seinen Ingenieuren weitreichende Arbeitsverträge über die Rente hinaus anbietet.


Japans Regierung kämpft seit Jahren gegen die Altersdiskriminierung in der Wirtschaft. Seit 2013 verpflichtet ein Gesetz Konzerne und Betriebe, jeden weiter zu beschäftigen, der bis zu seinem 65. Geburtstag und darüber hinaus arbeiten möchte. Doch die Bedingungen sind unfair. Die Betroffenen können zwar berufstätig bleiben, aber nicht in der bisherigen Position und vor allem nicht zu gleichen Gehalts- oder Lohnbedingungen. Wie Umfragen zeigen, mussten über 80 Prozent Einkommenskürzungen hinnehmen, die rund ein Drittel betragen.


Viele scheiden ganz aus und suchen sich einen Job. Nicht immer geht das gut. Unlängst fuhr ein 71-jähriger Taxifahrer in Osaka vor einem Hotelausgang vier Passanten an. Er hatte sie schlichtweg übersehen.






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