Die fünfjährige Ellysa Chau mit ihrer Mutter Peiyin. Vier Mal die Woche hat Ellysa nach neun Stunden im Kindergarten noch Programm: Sie nimmt Nachhilfe in Englisch und Chinesisch, lernt Ballett und Piano. âNatürlich hätte sie lieber mehr Zeit zum Spielenâ, sagt Ellysas Mutter. Doch das gingen nicht, denn dann bestünde die Gefahr, dass sie in der zurückfalle.

Schüler aus Singapur haben beim jüngsten Pisa-Test als Weltbeste abgeschnitten: Doch die schulischen Erfolge kosten die Mädchen und Jungen ihre Kindheit – und die Eltern oft ein Vermögen.


Mittwoch, 17 Uhr, in der United Square Mall in Singapur. Ellysa Chua steht vor dem „Learning Lab“ und gähnt. Die Fünfjährige ist seit sechs Uhr auf den Beinen und war bereits neun Stunden im Kindergarten. Beziehungsweise in dem, was in Singapur Kindergarten genannt wird: Ab dem Alter von drei Jahren haben Kindergartenkinder in Singapur täglich Unterricht in Mathe, Englisch und Chinesisch, sowie Lesen und Schreiben in beiden Sprachen. Das macht müde, aber noch hat Ellysa ihr tägliches Lern-Soll nicht erfüllt.


Gleich beginnt im „Learning Lab“ ihre Nachhilfestunde in Englisch. Nochmal 105 Minuten Konzentration, bis sie um sieben Uhr endlich nach Hause darf – nach knapp zwölf Stunden büffeln.


„Wir dürfen nicht nachlassen“


„Natürlich hätte Ellysa lieber mehr Zeit zum Spielen“, sagt ihre Mutter Peiyin Chua. Viermal die Woche chauffiert die 45-Jährige ihre einzige Tochter zu Bildungsinstituten für Kinder. Neben Englisch nimmt Ellysa zusätzliche Stunden in Mandarin, lernt Piano und Ballett. Etwa 700 Euro lassen sich die Eltern die außerschulischen Aktivitäten im Monat kosten. „Das ist viel. Aber wenn wir wollen, dass Ellysa nicht zurückfällt, dürfen wir nicht nachlassen“, sagt die Mutter.


Mutter Chua ist ein typisches Opfer des „Kiasuismus“, was im Singapurer Dialekt „die Angst, zu verlieren“ heißt. Mit „Kiasuismus“ lässt sich erklären, warum in dem gerade mal 5,5, Millionen Einwohner zählenden Inselstaat Eltern jährlich umgerechnet 720 Millionen Euro für Nachhilfestunden zahlen. Und auf „Kiasuismus“ fußen auch das Konkurrenzdenken und der Ehrgeiz, der Singapurer Schüler zu den weltweit besten macht:


Erst kürte die „Internationale Organisation zur Evaluation von Bildung“ (IEA) die Zweit- und Viertklässler Singapurs Ende November zu den weltbesten Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften.


Dann veröffentlichte die „Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) Anfang Dezember die Ergebnisse des jüngsten Pisa-Tests, dessen Fokus dieses Mal auf den Kategorien Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen lag. Von allen 500.000 getesteten 15-jährigen Schülern schnitten die Singapurer am besten ab – in allen drei Fächern.


„Gut gemacht, weiter so!“, gratulierte Premierminister Lee Hsien Loong den jungen Leuten: Singapur sei auf dem richtigen Weg. Nun sind sich da nicht alle Singapurer so sicher. Viele Einheimische beklagen, dass in den Klassenzimmern der Tropeninsel ein gnadenloser Leistungszwang herrsche.


Kritiker fürchten nun, dass der Sieg beim Pisa-Test das falsche Signal sei: Statt sich darauf zu besinnen, Kinder zu lebenspraktischen, hilfsbereiten Menschen zu erziehen, würden wieder Wettbewerbsdenken und gute Testergebnisse belohnt.


80 Prozent der Grundschüler bekommen Nachhilfe


Tatsächlich ist der Alltag für Singapurs Sprösslinge kein Spiel. 40 Prozent der Kinder besuchen – wie Ellysa – bereits neben dem Kindergarten Hilfsschulen. Acht von zehn Grundschülern nehmen Nachhilfe, in der Oberstufe sind es dann immerhin noch 60 Prozent.


Dass gerade Grundschüler am meisten pauken, liegt an einer Besonderheit des Singapurer Schulsystems. Mit zwölf Jahren absolvieren sie zum Ende der sechs Jahre währenden Grundschule eine Abschlussprüfung, PSLE genannt. Diese entscheidet darüber, an welchem der staatlichen Gymnasien man angenommen wird, was wiederum festlegt, welche Universität später besucht werden kann. Das ist wichtig: Denn obwohl alle Singapurer Schulen gute Schulen sind, sind die Unterschiede zwischen Elite-Schmieden und Grundversorgung durchaus spürbar.


Die australische Soziologin Amanda Wise von der Macquarie Universität in Sydney leuchtet in ihrer Forschung die Schattenseite der schulischen Erfolge der jungen Singapurer aus. „Ihnen wird die Kindheit genommen. Freies Spiel, Freundschaften, Zeit für die Familie und zum Ausruhen kommen viel zu kurz.“ Schon kleinste Kinder erlebten großen Stress, sagt Wise. Das hat seinen Preis: Singapurer Wissenschaftler veröffentlichten 2015 eine Studie, wonach Schulstress die Hauptursache für psychische Probleme und Selbstmord von Kindern und Jugendlichen im Land sei.


Nutznießer des Bildungswahns sind die etwa 850 Nachhilfeschulen der Insel. Aus der Verunsicherung der Eltern machen sie eine Bombengeschäft. „Nachhilfe ist zum Bildungs-Wettrüsten verkommen“, schreibt die Bildungsredakteurin der örtlichen Tageszeitung „Straits Times“, Sandra Davie, und mahnt, das müsse aufhören.


Doch Eltern wie Peiyin Chua wagen es nicht, auszuscheren und ihren Kindern statt Tutor-Stunden und Ballett eine echte Kindheit zu gönnen. Und Ellysa? Sagt, dass sie eigentlich ganz gern ins „Learning Lab“ geht. „Wenn ich statt dessen zu Hause bliebe, wäre da ja keiner, mit dem ich spielen könnte“, sagt sie: Weil alle Nachbarskinder eben auch bei der Nachhilfe sind.






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